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Bewegungsfreiheit + Selbständigkeit

Ein Pflegeheim ist ein Wohnort für pflegebedürftige Menschen mit und ohne Demenz. Eine kognitive Beeinträchtigung, die mit fremd- oder selbstgefährdendem Verhalten einhergeht, kann eine Unterbringung in einem geschlossenen Bereich erfordern. Rechtliche Voraussetzung dafür ist ein gesetzlicher Unterbringungsbeschluss. Die Bewohnerin bzw. der Bewohner wird dann durch einen gesetzlichen Betreuer vertreten oder durch eine Person, die durch eine Betreuungsvollmacht aus dem Familienkreis bestimmt wurde.

Sowohl in offenen als auch in geschlossenen Wohnbereichen für Menschen mit Demenz entstehen konflikthafte Situationen vor allem dann, wenn der Bewohner oder die Bewohnerin den Wohnbereich verlassen möchte und mit einer verschlossenen Türe konfrontiert wird bzw. Pflegende sie an ihrem Vorhaben hindern möchten. Bewohner/-innen erleben dies als Freiheitseinschränkung.

Eine der wichtigsten Optionen für selbstbestimmtes Handeln für Menschen mit Demenz ist die Möglichkeit, sich frei und ungehindert im Innen- und Außenbereich der Einrichtung bewegen zu können. Besonders Einrichtungen mit einem offenen Betreuungsansatz müssen sich deshalb in Bezug auf die Themen Autonomie und Selbstständigkeit mit ihrer Einrichtungskultur auseinandersetzen. Oft besteht nämlich ein starker Widerspruch zwischen den Anforderungen an die Sicherheit und dem Anspruch auf Autonomie, der Bewohner/innen die Möglichkeit bieten soll, in Einklang mit ihren Fähigkeiten nach eigenen Wünschen und Interessen zu handeln und über Ort und Zeit selbst zu bestimmen. Die Auseinandersetzung mit diesem Widerspruch ist das Fundament für viele daraus resultierende Maßnahmen und die Handlungssicherheit von Pflegenden.

Versteht sich die Pflegeeinrichtung in erster Linie als Wohnort der Bewohnerinnen und Bewohner oder stärker als Aufenthaltsort zur Beaufsichtigung alter, pflegebedürftiger Personen? Sind Pflegende in Bezug auf ihre Fürsorgepflicht und im Hinblick auf die Wahrung der Grundrechte der Bewohner/-innen hinreichend über die rechtliche Lage informiert? Wissen Angehörige in ausreichendem Maße über die Rechte der Bewohner/-innen und die Pflichten und Grenzen einer Pflegeeinrichtung Bescheid? Gibt es Kriterien, die für eine Einschränkung des Bewegungsradius von Bewohner/inne/n festgelegt wurden? Gibt es Konzepte, welche die Einbindung in das Gemeinwesen unterstützen bzw. den Kontakt zum Leben im Quartier aufrechterhalten?

Quellen

Bewegungsradius

Ein Umzug ins Pflegeheim bedeutet eine Einschränkung und teilweise auch den Verlust von Autonomie und Selbständigkeit. Für Menschen mit Demenz sind Beschränkungen ihres Bewegungsradius nicht nachvollziehbar. Sie erleben diese als Freiheitseinschränkung, die heftige Reaktionen auslösen kann.

Türen fordern einen dazu auf, sie zu öffnen. In Pflegeeinrichtungen mit beschützten Wohnbereichen (geschlossen oder offen) werden zur Entlastung von Pflegenden und zur Vermeidung der Frustration bei Bewohner/-innen die Ausgangs- oder Fluchttüren so gestaltet, dass sie entweder nicht im Blickfeld liegen oder durch entsprechende Anpassung an die Umgebung nicht wahrgenommen werden (z. B. eine Tür, die in der gleichen Farbe gestrichen ist wie die umgebende Wand)

Heikle Ausgangssituationen können über Gestaltungselemente (z. B. Raumteiler oder Vorhang mit schwer entflammbarem Stoff) verdeckt werden oder so umgestaltet werden, dass die Türe nicht mehr als solche erkannt wird. Eine Aufzugstüre lässt sich beispielsweise mit einer Bücherregaltapete kaschieren. Soll eine Türe von Bewohner/-innen nicht genutzt werden, weil sie beispielsweise in den Schmutzraum führt, dann kann die Nutzungsschwelle angehoben werden, indem z. B. die Klinke durch einen Drehknauf ersetzt wird und/oder ein Handlauf am Türblatt und eine farbliche Umgebungsanpassung die Türe unsichtbar werden lässt.

Die Türen zu den Bewohnerzimmern sind meistens unverschlossen. Das Betreten eines Zimmers durch einen nicht zutrittsberechtigten Mitbewohner kann zu großen Konflikten und heftigen Reaktionen führen. Hier kann eventuell mit einer weiteren Nutzungsbarriere Abhilfe geschaffen werden: Ein Schild „Privat“ zeigt eine Grenze an, die zwar nicht von allen, aber doch von einigen eingehalten wird.

Vorschläge zur Unterstützung der Autonomie

  • Richten Sie eine Arbeitsgruppe (bestehend aus Pflegenden aus allen Wohnbereichen und Leitungsebene) zur Reflexion der Einrichtungskultur zum Thema „Fürsorge und Selbständigkeit“ mit dem Auftrag ein, einen Maßnahmenplan zu entwickeln.
  • Überlegen Sie, ob sich zumindest für manche Bewohner/-innen nicht der Einsatz technischer Hilfsmittel (z. B. Chip im Schuh) empfiehlt.
  • Kaschieren Sie Türen, die von Bewohnern nicht benutzt werden sollen (Aufzugstüren mit Vorhang, Bildtapete oder Eingangstüren als Tapetentüre, unauffälliger Anstrich in einheitlicher Umgebungsfarbe, dunkler Eingangsbereich etc.).
  • Nutzen Sie kulturelle und religiöse Schwellen, um Bewohner/-innen vom Zutritt in Räume, die nicht zur öffentlichen Nutzung vorgesehen sind, abzuhalten (z. B. Schild mit „Privat“ an einer Tür des Schmutzraumes, Andachtsbild an einer Fluchttür o.ä.).
  • Vergrößern Sie den Bewegungsradius der Bewohner/-innen, indem Sie ihnen die Möglichkeit bieten, die Einrichtung zu verlassen und gleichzeitig einen Bezug zum Gemeinwesen zu erhalten (z. B. einmal pro Woche Marktbesuch).

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